Ein etwas anderer Seminarbericht von Sibylle Aschwanden:


Vor knapp zwei Wochen durfte ich an einem sehr speziellen und bei mir nachhaltig wirkenden Seminar teilnehmen, organisiert vom Hundenetzwerk Schweiz. Michele Minunno, Foscher und Hundetrainer in Süditalien hat uns Videosequenzen über die halbwilden Hundefamilien ohne Sozialisation mit dem Menschen in Italien gezeigt.

Ehrfürchtig und beschämt nehme ich mir zu Herzen, wie respektvoll, wohlwollend und körpersprachlich fein die Hunde miteinander umgehen. Und wie sie vorausdenken können! Wahnsinn! Da wirken wir in Hundeaugen wohl wie grobe, unsensible und abschätzige Holzklötze...

Lediglich ein fast unscheinbarer, kurzer aber netter Blick als Einladung für eine Interaktion oder als Bitte um Hilfe bei der Erziehung oder Feindabwehr, oder als Aufforderung zur Veränderung des Verhaltens. Kein Drohen, kein Befehlen, nix.

Die noch ungestümen Junghunde werden so geduldig durch Vormachen und Vorleben (nicht Hemmen!) zum erwünschten Verhalten geführt. Sie dürfen zudem die Erfahrung machen, welche Wirkung ihr unreifes, reaktives Verhalten hat, indem die Adulten einfach nicht darauf eingehen.

Immer sehr respektvoll und so, dass allen wohl ist. Meist als Bitte oder Einladung. Und das ebenso freundlich in wichtigen Situationen, wo der Angesprochene ohne zu zögern die Bitte erfüllt.

Was heisst das für uns Menschen? Michele Minunno hat uns gezeigt, wie wir als Menschen ebenso respektvoll und wohlwollend mit unseren Hunden umgehen können. Teilweise mit ganz ungewöhnlichem Vorgehen im Training mit Kunden- und Tierheimhunden. Aber immer mit überraschend schnellem Ergebnis. Absolut faszinierend! Wir können noch soviel lernen von unseren Hunden.

In den zwei Wochen seit dem Seminar durfte ich die berührende Erfahrung machen, wie meine beiden Hunde meine freundlichen, feinen Signale (und ich auch ihre!) richtig interpretieren konnten. Es braucht also nicht eine grobe, deutliche und fordernde, befehlende Kommunikation, sondern eine wertschätzende, bittende, feine Signalgebung, um als Hund-Mensch-Team zusammen zu wachsen.

Dann erzählte uns Michele aber auch die traurigen Geschichten von den eingefangenen halbwilden Hunden, unvermittelbar und viele, viele Jahre total verängstigt in engen, trostlosen Tierheimabteilen, depressiv und fertig mit dem Leben. Oft ihr ganzes Leben lang. Denn auch die ganz jungen Welpen haben eine epigenetisch erworbene Scheu vor dem Menschen und lassen sich nicht zähmen, ganz anders als Hunde und deren Welpen, die in menschlicher Obhut waren und dann ausgesetzt wurden.